Alters- und Jugendbilder

In der Pandemie wurden immer wieder verschiedene Gruppen von Menschen, z.B. „ältere Menschen“, „Kinder“ oder „die Jugend“ einander gegenübergestellt. Die Bedürfnisse von „Alt“ und „Jung“ wurden gegeneinander aufgewogen und dabei bestimmte Bilder und Vorstellungen darüber aktiviert, wer „alte“ oder „junge“ Menschen sind, was sie wollen und was sie jetzt brauchen. Ein wichtiges Schlagwort, das wir dabei immer wieder gehört haben war „Solidarität“ und damit auch die Frage, wer sich für wen einschränken sollte. Mit Blick auf den Zusammenhalt zwischen Menschen verschiedener Altersgruppen bzw. Generationen spricht man hier auch von „intergenerationaler Solidarität“. Und die, so hat eine Gruppe von Medizinethiker:innen und Soziolog:innen (s.u.) festgestellt, hat sich im Laufe der Pandemie immer wieder verändert:

Als am Anfang der Pandemie die Rede von „Solidarität mit den Älteren“ war, ging es darum sie zu schützen, weil man davon ausging, dass sie gefährdeter waren. In sozialen Medien sah man da zum Beispiel das Hashtag #stayhomeforgrandma. Maßnahmen wie Lockdowns, also auch die Maßnahme, die wir in -> Stadt Null sehen, wurden demnach oft mit dem Argument gerechtfertigt, ältere Menschen zu schützen. Die jüngere Generation wurde gebeten, Einschränkungen zu akzeptieren. Am Anfang kam das gut an und es kam zu einer Welle von Initiativen (wie zum Beispiel der von ->Richard) um ältere Menschen zu unterstützen. Gleichzeitig wurde das Versagen Jüngerer, wenn sie diesen Erwartungen nicht gerecht wurden, verurteilt: man nannte sie „selbstsüchtig“ und „rücksichtslos“ (wie es zum Beispiel bei ->Max passiert ist). Dieses positive Bild von älteren Menschen ist übrigens nicht selbstverständlich, denn noch wenige Wochen zuvor haben beispielsweise Aktivist:innen von Fridays for Future eben diese „ältere Generation“ als egoistisch und unverantwortlich bezeichnet.

Als die Wochen und Monate vergingen, der Ausnahmezustand aber erhalten blieb, hat sich das Bild erneut verändert: Je länger die Pandemie dauerte, desto deutlicher wurde, dass eine solche Solidarität auch (wirtschaftlich) etwas kostet. Nun kamen schnell neue Vorschläge, z.B. die Forderungen, Beatmungsgeräte, die bei einem schweren Krankheitsverlauf benötigt wurden, eher für jüngere Menschen aufzuheben. Außerdem gab es den Vorschlag, ältere Menschen sozial zu isolieren, damit die Wirtschaft und die jüngere Generation weniger eingeschränkt wären. Und so formte sich erneut ein Bild über ältere Menschen, das man auch vorher schon kannte: „Das Alter“ wird erzählt als Zustand der Schwäche, als nicht schützenswert und ältere Menschen als Belastung für die Gesellschaft betrachtet.

Die gesellschaftlichen Debatten rund um diese intergenerationale Solidarität während der Pandemie sind aus verschiedenen Gründen spannend und geben Anlass zum Nachdenken: Wenn nämlich darüber gesprochen wurde, dass bestimmte Altersgruppen gefährdeter sind als andere, dann schwangen auch meistens andere Themen mit: zum Beispiel Meinungen, Ansichten und Bewertungen des menschlichen Lebensverlaufs (wie „jung ist besser als alt“), die mit dem Corona-Virus eigentlich gar nichts zu tun haben. Und auch die Begriffe „Solidarität“ und „Verantwortung“ kann man sich genauer ansehen, denn hinter beiden Begriffen stecken vielfältige und mehrdeutige Annahmen.

Während Solidarität sich eher schwammig auf eine Gruppe bezieht, verlangt der Begriff der Verantwortung die eindeutige Bestimmung von Subjekt und Objekt (also wer ist verantwortlich für wen?). Wenn „wir“ also davon sprechen, „solidarisch“ zu sein, stellt sich immer wieder die Frage, wer zu diesem „wir“ gehört und wer nicht. Außerdem kann man auch kritisch nachfragen, wer sich als Subjekt und Objekt von „Verantwortung“ eignet. Wichtig ist auch, nicht aus dem Blick zu verlieren, dass dabei oft nicht nur Stereotype aufgerufen werden, sondern auch Diskriminierung passieren kann. So ist steckt hinter dem Bild von älteren Menschen als „Omas“ und „Opas“ durchaus auch eine heteronormative und konservative Vorstellung von Familie, die nicht auf alle „älteren Menschen zutrifft. Denn nicht alle sind heterosexuell und nicht alle haben Kinder bzw. Enkel. Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung aus unserer Vorstellung von Solidarität auszuschließen ist ebenso problematisch, wie Menschen bestimmter Altersgruppen wegen ihres Alters grundsätzlich Unvernunft oder Verantwortungslosigkeit zu unterstellen. Oft ist aber nicht nur unklar, wer mit der Solidarität gemeint ist, sondern auch was damit gemeint ist. Manchmal ist es die Vorstellung von einer Gemeinschaft, die sich um ihre schwächeren Mitglieder kümmert. Andere denken eher an gegenseitige Hilfe und Unterstützung zwischen gleichberechtigten Personen oder Gruppen. Immer wieder ist auch von einem „Vertrag“ zwischen den Generationen die Rede. Dahinter steckt der Anspruch, jüngere Menschen müssten sich um die ältere Generation kümmern, da diese früher für sie gesorgt hat. Bei all diesen Ideen kann man die Frage stellen, mit welchen sozialen und politischen Interessen sie verbunden sind.

„Solidarität“ und „Verantwortung“ passen außerdem gar nicht immer so gut zusammen. Manchmal wird der Begriff "Solidarität" benutzt, um unangemessene Forderungen nach Verantwortung zu legitimieren. Das bedeutet, dass Menschen oder Gruppen dazu gedrängt werden, mehr Verantwortung zu übernehmen, als gerechtfertigt ist. Auf der anderen Seite basieren nicht alle Verantwortlichkeiten auf Solidaritätsnormen, denn manchmal gibt es andere Aspekte, die mindestens genauso wichtig sind. Zum Beispiel, die Pflicht, die Würde anderer Menschen zu respektieren, grundlegende Freiheiten zu gewähren oder die Prinzipien von Gerechtigkeit und Gleichheit einzuhalten. Solidarität und Verantwortung haben also auch Grenzen.

Insgesamt hat die Pandemie uns als Gesellschaft dazu gezwungen, nicht nur die ernsthaften Herausforderungen anzugehen, die mit der Neuverhandlung der Erwartungen und Verpflichtungen in einer Gesellschaft verbunden sind, die einer großen Bedrohung ausgesetzt ist. Sie bietet auch die Gelegenheit, die grundlegenden moralischen Regeln, die unsere Beziehungen zwischen den Generationen bestimmen, genauer zu untersuchen. Das bedeutet, dass wir uns genauer ansehen müssen, wie wir gegenseitige Erwartungen, Gerechtigkeit und Verpflichtungen zwischen den Generationen verstehen, insbesondere in Bezug darauf, wie wir unsere Rechte und Pflichten als Mitglieder einer politischen Gemeinschaft betrachten. Um dies zu tun, braucht es immer wieder auch ein gründliches Nachdenken über die Bedeutung und Verwendung von Begriffen wie Solidarität und Verantwortung.

Alt und jung in Stadt Null

Auch in Stadt Null finden wir Annahmen über ältere und jüngere Menschen, die sich mit normativen Ansprüchen verbinden. Wenn beispielsweise beim Bäcker darüber spekuliert wird, wie groß die „Party“ gewesen ist, die Max heimlich besucht hat, wird schnell davon ausgegangen, es habe ich um eine riesige, verantwortungslose Drogenparty gehandelt. Auch wir hier, außerhalb von Stadt-Null, wurden schon früh im Verlauf der Pandemie mit dem Begriff der „Corona-Party“ vertraut gemacht. Eine kritische Frage, die man sich stellen kann, ist, wie der Vorfall wohl besprochen worden wäre, wenn Max nicht 21 sondern 81 wäre. Was meint ihr?

(Weiterführende) Literatur

Ellerich-Groppe, Niklas; Pfaller, Larissa & Schweda, Mark (2021). Young for old—old for young? Ethical perspectives on intergenerational solidarity and responsibility in public discourses on COVID-19. Eur J Ageing 18, 159–171 (2021). https://doi.org/10.1007/s10433-021-00623-9

Ellerich-Groppe, Niklas; Schweda, Mark & Pfaller, Larissa (2021): #StayHomeForGrandma – Towards an analysis of intergenerational solidarity and responsibility in the coronavirus pandemic, Social Sciences & Humanities Open, Volume 2, Issue 1, 2020, 100085, https://doi.org/10.1016/j.ssaho.2020.100085.