Entschleunigung und Resonanz

Während der Pandemie kamen immer wieder Expert*innen zu Wort, die zu verschiedenen Lebensaspekten ihre Einschätzung abgegeben haben. Einer von ihnen war auch der Soziologe Hartmut Rosa und das aus einem bestimmten Grund: Denn er macht sich schon lange Gedanken über Ent- und Beschleunigung sowie eben „Resonanz“ im Leben – ein Thema, mit dem sich viele vor allem in den Phasen des Lockdowns konfrontiert gesehen haben. Sehen wir also nochmal genauer hin:

„Resonanz“ ist eine zentrale Idee in seiner Sozialtheorie, also seinen Überlegungen dazu, wie Gesellschaft funktioniert und wie es uns als Mitgliedern dieser Gesellschaft geht. Er bezeichnet damit eine bestimmte Art von Beziehung entweder zwischen einzelnen Menschen oder zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Kennzeichnend ist eine zustimmende und bejahende, wechselseitige Verbindung. Es ist eine bestimmte Art, wie Mensch und Welt aufeinander „antworten“. Deshalb spricht Rosa auch von „Antwortverhältnis“. Wenn eine Person „Resonanz“ mit etwas erlebt, bedeutet das, dass sie eine intensive Beziehung zu einer Sache, Handlung oder Erfahrung hat, die ihr Leben bereichert und erfüllt. Rosa argumentiert, dass in der modernen, beschleunigten Gesellschaft viele Menschen Schwierigkeiten haben, echte Resonanz zu erleben. Die ständige Beschleunigung des Lebens, die Oberflächlichkeit der sozialen Beziehungen und die Entfremdung von natürlichen und kulturellen Umgebungen können dazu führen, dass Menschen das Gefühl haben, dass ihr Leben entfremdet und bedeutungslos ist. Es kann also passieren, dass sie sich fragen: Was bringt mir das alles hier eigentlich? In dieser Hinsicht sind Resonanz und Entschleunigung eine Art Gegenmittel. Rosa betont, dass Resonanz nicht nur eine passive Erfahrung ist, sondern auch eine aktive Beteiligung und eine bestimmte Einstellung erfordert. Resonanz kann nicht erzwungen werden, aber Menschen müssen aktiv etwas dafür tun, um resonante Beziehungen zu entwickeln. Zum Beispiel mit anderen Menschen, mit der Natur, mit Kunst oder mit bestimmten Aktivitäten. Durch die Suche nach Resonanz können Menschen ein tieferes Gefühl der Verbundenheit und Erfüllung in ihrem Leben finden. Es geht also darum, aus dem eigenen „Hamsterrad“ zumindest hin und wieder auch herauszukommen. Während der Pandemie hat Hartmut Rosa gesagt, die Pandemie würde einerseits entschleunigen, dann aber auch wieder nicht. Warum dieser Widerspruch? Und was hat das mit Stadt Null zu tun?



Resonanz in Stadt Null

Im Fall ->Richard können wir einen Menschen sehen, der sich schon vor der Pandemie eine neue Weltbeziehung gewünscht hat. Als Stadt Null von der Außenwelt abgeschnitten wird und er seinen eigentlichen Aufgaben nicht mehr nachgehen kann, erkennt er in gewisser Weise seine Chance: Er entwickelt eine neue Idee, ein eigenes Projekt. Während andere sich dem Haus, dem Garten oder anderen Aktivitäten in ihren eigenen vier Wänden widmen (müssen), wie zum Beispiel ->Frauke, wird Richard zum Helfer und Organisator. Die Möglichkeit, etwas zu tun, eine neue Aufgabe zu haben, andere zu unterstützten und so einen sinnvollen Beitrag zur Bewältigung der neuen Situation zu leisten, gibt ihm Aufschwung. Dabei erlebt er das, was Rosa „Resonanz“ nennt: weniger Stress in seinem eigentlichen Job und dadurch die Möglichkeit, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Richard kann einen Unterschied machen und deshalb erlebt er die Pandemie erstmal sogar positiv. Aber gerade weil die Situation sich auch so schnell verändert, ist es schwer, diesen positiven Zustand aufrecht zu erhalten und Richard erlebt eben nicht nur Resonanz, sondern auch Beschleunigung: Er arbeitet mehr als zuvor, hat mehr Termine. Das macht er anfangs gerne. Doch dann ist eben nicht mehr nur Stadt Null in einer Sondersituation, sondern bald das ganze Land, eigentlich die ganze Welt. Die „neue“ Situation beginnt, die „normale“ Situation zu werden und Richard beschleicht das Gefühl, dass seine Bemühungen ins Leere gelaufen sind und dass er eben doch nichts an der Situation verändern konnte. In anderen Worten: er ist zurück im „Hamsterrad, in dem er zwar schneller rennt, aber doch nirgendwo hin zu kommen scheint. Auch seine Hilfe wird bald nicht mehr benötigt. Er blickt deshalb mit gemischten Gefühlen auf den Anfang der Pandemie zurück: Einerseits hat er gelernt, wie er über sich hinauswachsen kann, hat Anerkennung bekommen und die Situation für sich damit gut gemeistert. Andererseits ist er aber auch enttäuscht und müde und das Gefühl, etwas bewirken zu können, hat nicht lange angehalten. Das wiederum hat aber weniger mit Richard zu tun, als damit, dass die Bedingungen sich immer wieder und sehr schnell verändert haben.

Wie ging es euch in der Pandemie? Wart ihr unterwegs oder zu Hause? Habt ihr endlich das Buch gelesen, das seit Monaten erwartungsvoll neben dem Bett lag oder hattet ihr mehr Stress als vorher? Was würdet ihr Richard heute raten?

Quellen

Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp 2016.

Deutschlandfunk Kultur (2020): „Entschleunigung durch Corona Warum die neue Langsamkeit nicht entspannt“, https://www.deutschlandfunkkultur.de/entschleunigung-durch-corona-warum-die-neue-langsamkeit-100.html.

SWR-Kultur (2023): So hat uns die Corona-Pandemie verändert, https://www.swr.de/swr2/wissen/so-hat-uns-die-corona-pandemie-veraendert-100.html.