Imaginierte Laien

Die Soziologin Helga Nowotny interessiert sich aus soziologischer Perspektive für das Thema „Wissenschaft“ und unter anderem dafür, wie wissenschaftliches Wissen Menschen näher gebracht wird, die auf einem speziellen Gebiet eben keine Expert:innen, sondern Laien sind. Auch in der Pandemie sind immer wieder Wissenschaftler:innen (zum Beispiel aus dem Robert-Koch-Institut) auf verschiedenen Wegen mit der Bevölkerung in Kontakt getreten. Auf Expert:innenwissen über das Virus, über Ansteckungswege und Krankheitsverläufe basierten letztlich auch die Regeln, die nun für einige Jahre das öffentliche Leben bestimmt und (zumindest zeitweise) verändert haben. Wenn Nowotny und ihre Kolleg:innen beobachten, wie „Wissenschaft“ und „Öffentlichkeit“ miteinander ins Gespräch kommen, beobachten sie Folgendes:

Wenn Wissenschaftler:innen Empfehlungen geben und die dann zum Beispiel auch in gesundheitspolitische Entscheidungen und Aufklärungskampagnen übersetzt werden, dann verbergen sich dahinter immer auch bestimmte Annahmen über Menschen. Diese Menschen, die Wissenschaftler:innen sich vorstellen, nennt Nowotny „imaginierte“ (also vorgestellte) Laien. Im Unterschied zu den „realen Laien“, also den richtigen Menschen aus Fleisch und Blut, sind imaginierte Laien immer nur genauso, wie man sie sich vorstellt, „richtige“, also reale, Menschen dagegen haben immer auch die Möglichkeit, anders zu sein. Sie können sich zu den Empfehlungen und Regeln, die sie bekommen verhalten und manchmal auch ganz überraschende Entscheidungen treffen. Sie können sich konform verhalten, also Empfehlungen annehmen und sich an Regeln halten, es kann ihnen einfach egal sein, sie können Expert:innen und ihr Wissen aber auch in Frage stellen. Expert:innen haben aber noch ein anderes Problem mit ihrem Wissen: So können Empfehlungen zwar sachlich richtig und sogar sehr nützlich sein, sich aber schwer mit kulturellen Gewohnheiten, die es in einer Gesellschaft gibt, vereinen lassen. So kann man zum Beispiel gut beweisen, dass Alkohol ungesund ist, ihn trotzdem aber schwer aus dem kulturellen und sozialen Leben in Deutschland streichen. So konnte man auch sagen, dass es aus medizinischer Sicht sinnvoll wäre, in einer Pandemie, möglichst alle Körper voneinander zu isolieren, das aber praktisch nur ganz schwer umsetzen. Wissen, so erklärt Nowotny, muss sich auch gesellschaftlich etablieren, also „sozial robust“ gemacht werden. Dafür braucht es eine Öffentlichkeit, die dieses Wissen akzeptiert und auch praktisch umsetzt.

In dem Versuch, wissenschaftliche Erkenntnis sozial robust zu machen, muss oft mit großen und schwer überschaubaren Gruppen von Menschen kommuniziert werden. Dabei passiert es meistens, dass viele ganz unterschiedliche Menschen in klare Kategorien umgewandelt werden: zum Beispiel „alte“ und „junge“ Menschen, denen dann bestimmte Eigenschaften und Verhaltensmuster zugeschrieben werden. Oft wird dabei auf bestimmte Bilder, Muster und Vorstellungen zurückgegriffen, die auf manche Menschen vielleicht zutreffen, auf andere aber eben auch nicht. Sehen wir uns noch einmal genauer an, wie die imaginierten Laien von Stadt Null ausgesehen haben und wo es zu Problemen kam.


Die imaginierten Laien von Stadt Null

Als wir die -> Bürgermeisterin in ihrem Büro besuchen, hängt ihre Wand voll mit Plänen und Entwürfen, auf dem Schreibtisch stapeln sich die Passierscheine, Ausnahmegenehmigungen und Anträge. Das liegt nicht daran, dass unsere Bürgermeisterin besonders unordentlich wäre, sondern daran, dass sie versucht den Ausnahmezustand in ihrer Stadt zu managen und Regeln umzusetzen, die auf recht komplizierte Weise zustande gekommen sind, nämlich durch Beratungsgespräche zwischen Menschen, die politische Entscheidungen treffen und solchen, die sich mit dem neuen Virus auskennen. Diese Regeln sollen selbst aber nicht kompliziert sein, sondern auf ein DIN-A4-Blatt passen und doch für möglichst alle gelten.

So weit, so schwer. Hier kommen nun unsere imaginierten Laien ins Spiel: Die imaginierten Laien, für die all die neuen Regeln nun gelten sollen, haben Familie und leben in einem Haushalt und ihre Familien- und Haushaltsmitglieder sind zugleich ihre wichtigsten sozialen Kontakte. In einigen der Regeln, die unsere Bürgermeisterin anfangs durchsetzen soll, ist nicht mitgedacht, dass nicht alle Eltern und nicht alle Familien in einem Haushalt oder auch nur in der gleichen Stadt leben, dass aber umgekehrt auch nicht alle, die zusammenleben, Familie sind oder Familie vielleicht ganz anders aussieht als das Modell „Vater-Mutter-Kind“. Andere wiederum haben gar keine Familie, brauchen aber trotzdem soziale Kontakte, zum Beispiel um psychisch gesund zu bleiben. Zudem können nicht alle die Flugblätter lesen, die täglich in die Briefkästen geworfen werden, zum Beispiel, weil sie nicht die gleiche Sprache sprechen wie die Stadtverwaltung. Fast täglich gibt es Gründe, Ausnahmen zuzulassen und die Regeln zu verändern. Was aus Sicht der Bürgermeisterin anstrengend ist, zeigt aus Sicht der Soziologie, dass es immer spannend ist, einen kritischen Blick auf die „imaginierten Laien“ und damit die Menschenbilder und Stereotype zu werfen, die sich in ihnen verstecken. Denn bei genauem Hinsehen steckt in diesen imaginierten Laien nicht nur die Idee, Ansteckungen zu reduzieren, sondern auch etwas das mit Viren gar nichts zu tun hat: Nämlich ein bestimmtes politisches Bild von Menschen, für die diese Regeln aufgestellt werden, das durchaus auch hinterfragt und kritisch geprüft werden kann.

Quellen



Nowotny, Helga; Scott, Peter and Gibbons, Michael (2001). Re-Thinking Science. Knowledge and the Public in an Age of Uncertainty. Polity Press: Cambridge.

 

Nowotny, Helga (2004). Vorwort und Dank. In: Gisler, Priska; Guggenheim, Michael; Maranta, Alexander; Pohl, Christian und Nowotny, Helga. Imaginierte Laien. Die Macht der Vorstellung in wissenschaftlichen Perspektiven. Velbrück Wissenschaft Verlag: Weilerwist, S. 3-4.