Triggerpunkte

Während der Corona-Zeit konnte man manchmal den Eindruck gewinnen, die ganze Gesellschaft läge im Streit. Von einer „Polarisierung“ oder „Spaltung“ der Gesellschaft war die Rede und wenn man Menschen zuhörte, die sich in der U-Bahn oder im Bus über Masken und Impfungen stritten, hat es sich auch wirklich manchmal so angefühlt. Man hatte fast den Eindruck, als würden sich verschiedene Lager bilden: Auf der einen Seite die, die sich an die gesundheitspolitischen Vorgaben hielten, Abstand wahrten, Kontakte reduzierten, daheimblieben, Maske trugen, auf der anderen Seite jene, die all das doof, falsch oder ungerechtfertigt fanden, sich nicht an die neuen Regeln halten wollten. Manche gingen sogar auf die Straße, um gegen die Maßnahmen zum Infektionsschutz zu demonstrieren.

Seit einiger Zeit ist die Debatte um die „Spaltung“ der Gesellschaft wieder ganz aktuell. Drei Soziologen haben ein Buch veröffentlicht, in dem sie sich mit solchen Beobachtungen gesellschaftlicher Spaltung, Polarisierung und Lagerbildung auseinandersetzen. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser schauen genauer hin und fragen: Sind die Meinungen der Bevölkerung wirklich unvereinbar? Gibt es eine unüberwindbare Kluft zwischen verschieden Gruppen und finden sich Menschen tatsächlich auf unterschiedlichen Seiten? Und wenn ja: Ist das ein neues Phänomen? Haben sich die Menschen in den letzten Jahren weiter voneinander entfernt?

Sie kommen zu dem Schluss: Nein, in Deutschland leben wir nicht in einer gespaltenen Gesellschaft. Ganz im Gegenteil herrscht hinsichtlich vieler Themen (z.B. Armut und Reichtum; Migration; Diversität und Gender; Klimaschutz) erstaunlich große Einigkeit. Allerdings gibt es sogenannte „Triggerpunkte“. Die funktionieren wie eine Art Schalter: Werden sie berührt, kommt es zu (manchmal heftigen) Reaktionen, so wie eben die Kaffeemaschine anfängt zu surren und zu fauchen, wenn wir sie einschalten. Die Idee, solche gesellschaftlichen Reaktionen „Triggerpunkte“ zu nennen, haben die Autoren aus der Medizin. Dort sind damit körperliche Symptome gemeint, meist Muskelverspannungen, die Schmerzen an unterschiedlichen und scheinbar unbeteiligten Körperteilen auslösen können. Mau, Lux und Westheuser übertragen die Idee der Triggerpunkte in die Soziologie und nutzen sie wie eine Art Brille, um auf Gesellschaft zu blicken. Mit dem Konzept „Triggerpunkte“ beschreiben sie dann, dass bestimmte Ereignisse oder Situationen eben manchmal sehr starke Reaktionen und Gefühle auslösen. Das erkennt man dann daran, dass Menschen sich zum Handeln angeregt fühlen (zum Beispiel zu Protesten). Triggerpunkte verstecken sich meist im Bereich des Unbewussten und können in allen Lebensbereichen auftreten, z.B. in zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Politik oder in der Arbeitswelt.


Triggerpunkte in Stadt Null

Wenn ein Triggerpunkt berührt wird, dann reagieren Menschen oft instinktiv, überraschend, heftig und emotional. Das lässt sich auch beobachten, als die neue Krankheit nach Stadt Null kommt. So passiert es, dass Menschen, die sich eigentlich schon an die neuen Regeln halten, plötzlich "getriggert" werden.

Für -> Frauke ist dieser Punkt erreicht, als auch Kinder in der Schule und sogar im Kindergarten eine Maske tragen sollen. Die Maskenpflicht an Schulen ist sozusagen ihr „Triggerpunkt“. Wie viele andere Eltern beginnt sie nun auch, zu protestieren: Sie verteilt Flugblätter gegen die Maskenpflicht an Schulen, hängt ein Schild an ihre Tür und diskutiert immer wieder mit der Schulleitung. Für Frauke bleibt es eher bei den kleineren Protesten, sie beteiligt sich nicht an größeren Aktionen und Demos, die es später in Stadt Null geben wird. Sie ist nicht Teil einer großen, gesellschaftlichen Spaltung, bei der sie auf einer bestimmten Seite steht, sondern verweigert in einem bestimmten Punkt ihre Zustimmung.

Quellen

Mau, Steffen; Lux, Thomas; Westheuser, Linus (2023). Triggerpunkte Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Suhrkamp: Berlin.